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Wandern ist nicht harmlos!

Teil 7: Die Bergwanderstudie des deutschen Alpenvereins

(09.08.2010 / Dr. Tobias Bach) Bergwandern in den Alpen gilt als lustbetonte Freizeitaktivität ohne besondere Gefahren. Die Wege sind markiert, das Handy hat meist Empfang – was soll schon passieren? Die Bergwacht sieht das anders: Laut DAV-Unfallstatistik werden etwa ein Drittel der Bergwachteinsätze durch Wanderer verursacht, ein weiteres Drittel durch Skifahrer. Der Rest verteilt sich auf die ganzen „spektakulären“ Sportarten wie Alpinklettern, Hochtouren, Eisklettern Skitouren etc. wo man eigentlich die Unfälle erwartet.
Die Bergwanderstudie des Deutschen Alpenvereins

Unfallursachen beim Wandern sind vor allem:
-    Stolpern, Umknicken und Ausrutschen mit 62%
-    „Körperliche Probleme“ mit 13%. Dazu gehören auch Herz-Kreislaufprobleme!

Diese Zahlen waren Anlass für eine große Wanderuntersuchung, die die DAV-Sicherheitsforschung  von 2005 - 2007 durchführte. Der Autor dieses Artikels war der Projektleiter dieser Untersuchung.

Es begann mit einer Arbeitsgruppe. Nach vielen Grübeleien über der Statistik und 20 Telefoninterviews mit Bergwachtlern war klar, dass es vor allem die falsche oder fehlende Selbsteinschätzung ist, mit der Wanderer sich in Gefahr bringen. So haben wir 208 Wanderer auf unterschiedlich schweren Touren (zur DAV-Bergwegebewertung siehe Teil 5 dieser Serie Trittsicherheit und Schwindelfreiheit beim Bergwandern) intensiv beobachtet und befragt. Die an dieser Stelle bereits vorgestellte Bergwandercard (ebenda) ist somit ein Instrument zur Tourenplanung mit empirischer Grundlegung und damit ein Novum der alpinen Verhaltensforschung.Einige Ergebnisse der Studie werden nun vorgestellt. Wer am gesamten Forschungsbericht interessiert ist, kann diesen über die DAV-Sicherheitsforschung (www.alpenverein.de) beziehen.

Frage 1: Wie trittsicher sind die untersuchten Wanderer?
Angemessenheit der Trittsicherheit
Angemessenheit der Trittsicherheit

Die Wanderer wurden verdeckt an Stellen beobachtet, die einiges an Trittsicherheit erfordern: Große Hübe im Auf- oder Abstieg über Blöcke, abdrängende Stellen etc. Die Beobachter hatten intensiv mit Videoanalysen trainiert, um die Trittsicherheit einheitlich von 1 (sehr sicher) bis 5 (sehr unsicher) zu bewerten. Ergebnis: 25% der Wanderer hatten keine angemessene Trittsicherheit. Angemessen für die Tour, die sie ja selbst ausgewählt haben. Dies sollte Anlass für jeden Wanderer sein, sich nicht nur über die Länge der Tour, sondern auch über die zu erwartenden Schwierigkeiten zu informieren.




Frage 2: Ist die Kondition, bewertet anhand beobachtbarer Belastungszeichen, der Tour angemessen?

Angemessenheit der Kondition
Angemessenheit der Kondition

Die beobachtbaren Belastungszeichen waren: Schnaufen, häufiges Stehen bleiben, schleppendes Sprechen, extrem langsames Gehen etc. Hier zeigten 27,6 %, dass sie den konditionellen Anforderungen der Tour nicht gewachsen waren.
Bringt man die beiden Parameter zusammen, ergibt sich folgendes Bild: 39 % der Wanderer haben sich überschätzt, was die konditionellen und/oder psychomotorischen (Trittsicherheit) Anforderungen Ihrer Tour angeht. Eine Zahl die uns motiviert hat, die Bergwandercard zu entwickeln.




Frage 3: Können die Wanderer ausreichend gut sehen?


Mit der Firma Bausch & Lomb hatten wir einen starken Partner, um die Sehfähigkeit der Wanderer zu untersuchen. Die Untersuchung besorgte ein sehr geländegängiger Optiker direkt vor Ort, am Einstieg der jeweils beobachteten Wandertour. In Bezug auf die Sehschärfe gab es wenige Probanden, die beim Bergwandern ein wirkliches Problem hatten: 15 von 169, also knapp 9 Prozent. Der andere Teil sieht entweder gut oder verwendet beim Bergwandern eine Sehhilfe. Der Teufel liegt jedoch im Detail: Nervige Kontaktlinsen, wenn man schwitzt, Mehrstärkenbrillen ohne Sonnenschutz, die dann nicht benutzt werden: Einige Probanden konnten faktisch kaum sehen! Dies in Verbindung mit absturzgefährlichen Stellen bedeutet natürlich eine große Gefahr.
Auch bezüglich der mitgeführten Ausrüstung war die Studie aufschlussreich. Ein Handy hat fast jeder dabei, Orientierungsmittel wie Karte/Kompass nur wenige und einen Biwaksack, um Verunfallte bis zum Eintreffen der organisierten Rettung warm zu halten, fast niemand.

Für den Wanderer ist es nicht wichtig, diese Statistiken auswendig zu kennen. Wichtig ist allein die kritische Selbsteinschätzung in Verbindung mit der ausgewählten Tour. Dabei helfen die Schwierigkeitsbewertungen von Bergwegen, das Befragen von Hüttenwirten oder die Lektüre von Routenbeschreibungen. Wo an diesen Dingen Mangel herrscht, sollte man sich auch mal einen Bergführer leisten oder einen Gang runter schalten. In diesem Sinne weiterhin eine schöne Wandersaison!

Outdoor.de behandelt das Thema Wandern in den kommenden Wochen in der Serie „Viel wandern macht bewandert.“ (Peter Sirius) mit folgenden Themenblöcken:

  1. Damit das Wandern nicht des Müllers Frust wird – die richtigen Wanderschuhe
  2. Wanderausrüstung - Weniger ist oft mehr
  3. Verhalten des Wanderers im Schneefeld
  4. Wie berechnet man Wegezeiten beim Wandern?
  5. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit beim Bergwandern
  6. Wandern: Durchquerung versus Tagestour
  7. Vorstellung der DAV-Wanderstudie
  8. Soziales Risikomanagement – auch beim Wandern!

Der Autor Dr. Tobias Bach ist Bergführeranwärter und Mitarbeiter in der Sicherheitsforschung des deutschen Alpenvereins. Dort hat er als Projektleiter verschiedene Studien erstellt, u. a. Sicherheit beim Wandern und die DAV-Bergwegeklassifizierung.

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