Führungsaspekte
Ein Paar oder eine Gruppe ist nicht automatisch ein Team. Ohne verteilte Aufgaben, Führung und Kommunikation wäre auch unser Nationalteam ein kümmerlicher Haufen. Aber wir sind ja im Urlaub und Hierarchien gibt’s daheim schließlich genug. Trotzdem: Was häufig zu Problemen führt macht den Urlaub kaputt. Im Folgenden ein paar Klassiker aus der Wanderpraxis.
- Führungsaversion, Gewohnheitsführung
Den umgekehrten Fall nenne ich Gewohnheitsführung*: Jemand hat die Gruppe zusammengestellt, die Hütten gebucht, die Anreise organisiert. Er ist automatisch in einer Führungsposition. Ob er dafür auch im Gelände kompetent ist, wird nie hinterfragt. Leute mit viel Wandererfahrung halten sich in wichtigen Entscheidungen zurück, vielleicht wegen ihrer Führungsaversion*.
Bei unseren DAV-Studien „Sicherheit beim Bergwandern“ und „Risikomanagement von Skibergsteigern“ haben wir mehrfach beobachtet, dass in Ehepaaren der Mann alle Entscheidungen trifft. Weil er eben der Mann ist. Dumm nur, dass wir bei unseren Befragungen ebenfalls heraus gefunden haben, dass die Frau beispielsweise wesentlich besser mit der Karte umgehen konnte. Es klingt befremdlich, aber: Es lohnt sich, das Thema „Führung“ vor Antritt der Wanderung in entspannter Atmosphäre zu thematisieren.
- Das schwächste Glied
Die Intergruppe
Mit Intergruppe* sind alle anderen Leute und Gruppen gemeint, die mich – bewusst oder unbewusst – durch ihr Verhalten beeinflussen. „Der Alte eben ist auch seilfrei durch die Kletterpassage, dann geht das also“. Und wenn „der Alte“ seit 50 Jahren klettert? Wir bewegen uns mit schlotternden Knien, geben es aber nicht zu. Eine kleine Störung und Du liegst unten. Auch Zeitangaben von anderen Gruppen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Insofern ist, sofern kein Bergführer zugegen, die beste Informationsquelle immer noch der Hüttenwirt. Der weiß, dass Zeit- und Schwierigkeitsbewertungen immer relativ sind. Und drückt sich meist entsprechend aus.
Ballistik
Das kennt man vom Tatort. Eine einmal abgeschossene Kugel kann in Ihrer Flugbahn nicht mehr beeinflusst werden. So scheint es sich auch mit manchen Wandergruppen zu verhalten: Einmal am Parkplatz abgeschossen, ist die Wochentour vorgezeichnet. Egal welches Wetter, egal wer alles zusammenbricht… Das ist natürlich leicht übertrieben. Und doch ist die gleitende Planung* ein Zauberwort, das gelebt werden will. Sich den Bedingungen in der Natur und in der Gruppe anzupassen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.
Verhütungskonflikte
Hier geht’s nicht um Safer Sex. In einem Verhütungskonflikt* befinden sich Wanderer, die darauf bedacht sind Gefahren zu verhüten, aber gleichzeitig mit mehreren Gefahren konfrontiert werden, die unterschiedliche Verhaltensweisen erfordern. Ein Wanderklassiker ist das harte Schneefeld. Durchgehen bedeutet Absturzgefahr, Umklettern im steilen Fels – Absturzgefahr. Da hilft nur Umkehren sagt sich der Leser im Ohrensessel, aber wer möchte schon im echten Leben den ganzen Weg zurück laufen? Die Gefahr, die einem gerade sympathischer erscheint, wird der Gruppe gegenüber verharmlost und dann heißt es Augen zu und durch.
Ein Horrorszenario ist es für Viele, ungeplant draußen übernachten zu müssen, weil die Zeitplanung nicht funktioniert hat. Wer hat schon eine Stirnlampe? Also geht es plötzlich mit Vollgas hinunter. Stolpern, Umknicken, Ausrutschen als Hauptursache der Bergwachteinsätze – hier passiert es, mit bisweilen fatalen Folgen. Vom Draußen-Schlafen bekommt man dagegen schlimmstenfalls einen Schnupfen. Zumindest im Sommer.
Ich wünsche allen Wanderern einen biwaklosen Prachtherbst.
* Die kursiv gesetzten Begriffe sind der Dissertation Gruppe in Not des Autors entnommen
Outdoor.de behandelt das Thema Wandern in den kommenden Wochen in der Serie „Viel wandern macht bewandert.“ (Peter Sirius) mit folgenden Themenblöcken:
- Damit das Wandern nicht des Müllers Frust wird – die richtigen Wanderschuhe
- Wanderausrüstung - Weniger ist oft mehr
- Verhalten des Wanderers im Schneefeld
- Wie berechnet man Wegezeiten beim Wandern?
- Trittsicherheit und Schwindelfreiheit beim Bergwandern
- Wandern: Durchquerung versus Tagestour
- Vorstellung der DAV-Wanderstudie
- Soziales Risikomanagement – auch beim Wandern!
Der Autor Dr. Tobias Bach ist Bergführeranwärter und Mitarbeiter in der Sicherheitsforschung des deutschen Alpenvereins. Dort hat er als Projektleiter verschiedene Studien erstellt, u. a. Sicherheit beim Wandern und die DAV-Bergwegeklassifizierung.







