Von der analytischen zur strategischen Lawinenkunde
Als der Schweizer Lawinenforscher Werner Munter in den 90er Jahren den Slogan „Denken statt graben“ ausgab, hatte er gegenüber der alten analytischen Lawinenkunde, die aufwändige Schneedeckenuntersuchungen postulierte und die Ergebnisse fälschlicherweise für übertragbar hielt, einen entscheidenden Vorteil: Eine breite empirische Basis, die Daten von jahrzehntelanger dokumentierter Beobachtung und experimenteller Forschung von und mit Lawinen. Auf Grundlage dieser Daten schuf er seine strategische Lawinenkunde mit der Reduktionsmethode. Jeder konnte nun mit ein paar Informationen auf Grundlage des Lawinenlageberichts Entscheidungen treffen, das „Restrisiko“ theoretisch berechnen und im Gelände umsetzten. Spätere strategische Handreichungen wie die Snowcard, „Stop or go“ oder das neue ARC sind alles „Kinder“ der Reduktionsmethode. Sie basieren auf den gleichen Forschungsergebnissen.
Doch noch immer gibt es Tote: Um die 100 Schneesportler sind es Winter für Winter in den Alpen.
Ein neuer Slogan könnte lauten: „Tippen statt Denken!“ Damit sind wir bei den Apps (Applikationen für Samrtphones wie iPhone). Das einzige noch zu lösende Problem: Tasten, die man mit dicken Handschuhen bedienen kann. Vermutlich kommt bald ein Sprachmodulator. Doch die App ist nur eine weitere Strukturierungshilfe, die einem ein paar Rechenschritte (z.B. die Ermittlung und Zuordnung der Hangsteilheit) per Algorithmus abnimmt oder erleichtert. All diese Hilfsmittel vereinfachen die Komplexität. Deshalb können sie bestenfalls als Kontrollinstrument empfohlen werden. Die Entscheidung hingegen muss früher fallen.
Die Beurteilung der Lawinensituation ist die komplexeste Aufgabe im Bergsport. Ohne fundiertes Grundwissen geht es einfach nicht, will man selbstständig und verantwortungsbewusst entscheiden. In den letzten Jahren wurde viel unternommen, um das nötige Wissen benutzerfreundlicher zu präsentieren. Es wurde strukturiert (wie bei 3x3, Snowcard etc.), interaktiv – spielerisch aufbereitet (wie bei White Risk), graphisch besser kommuniziert (über die Piktogramme beim Lawinenlagebericht) und schließlich digitalisiert (wie eben bei den verschiedenen Apps). Der überlebensnotwendige Zwang, sich Handlungswissen zu erarbeiten, bleibt jedoch.
Die Vereinfacher: Das doppelte Pufferproblem
Mit „Vereinfacher“ sind alle Methoden gemeint, die bzgl. der Lawinenentscheidung in wenigen Schritten zum Ergebnis führen. Die haben mit Einschränkungen ein grundsätzliches Problem, welches ich als „Pufferproblem“ bezeichnen möchte. Sie brauchen einen Puffer, also ein „hinein-gerechnetes“ Sicherheitspolster, denn sonst gibt es Tote. Sie müssen, was die Gefahrenstufen und die dann üblicherweise zu befahrenden Hangsteilheiten angeht, immer im grünen Bereich bleiben. Schon aus rechtlichen Gründen. Also ist der Handlungsspielraum des Anwenders eingeschränkt.
Der Anwender sieht das gar nicht gern – besonders wenn er gleichzeitig sieht, wie alle anderen in die gezuckerten Hänge fahren. Deshalb rechnet er wieder drauf. Das Problem ist nur: Wer sagt uns, dass wir dort drauf rechnen, wo wir tatsächlich „Puffer“ haben? Der Puffer ist nicht flächendeckend, weil die Vereinfachung jegliche Differenzierung unmöglich macht. Die fünf europäischen Gefahrenstufen, Grundlage aller Vereinfachungen, sind ja schon eine Vereinfachung. Stufe 3 z.B. kann im Einzelhang nahezu unauslösbar bis äußerst heikel schon unter 30° Steilheit sein! Entsprechend ist man, ohne es zu wissen, mit der Vereinfachung im Einzelfall schon sehr nah am roten Bereich. Da ist dann kein Puffer mehr. Eingeschneiter Triebschnee etwa ist für den Laien kaum zu erkennen. Eine App, die eingeschneiten Triebschnee scannen kann, das wäre mal was. Gibt es aber nicht.
Back to the roots: Den Lawinenlagebericht lesen lernen!
Mit dem Lawinenlagebericht ist es wie mit dem Wetterbericht: Niemand kann auf so viel Expertenwissen und Messergebnisse so schnell zugreifen wie diejenigen, die ihn täglich schreiben. Doch wir nutzen ihn – kaum! Laut unserer DAV-Skistudie hält ihn jeder für sehr wichtig, aber die Allermeisten kennen kaum mehr als die Gefahrenstufe. Wenn wir lernen, den „Schatz zu heben“ („Dieter Stopper“), der in den Zusatzinformationen steckt, machen wir alle weiteren strategischen Instrumente überflüssig. Um diese Behauptung mit Handlungswissen zu füttern, wird Outdoor.de im nächsten Monat über den Aufbau des Lawinenlageberichts und das Aufspüren entscheidender Details mehr berichten.
Die Themenblöcke der Outdoor.de-Lawinenserie 2011 im Überblick:
Teil 1: Lawinengefahr: Möglichkeiten und Grenzen der Strategischen LawinenkundeTeil 2: Der Lawinenlagebericht sagt mehr als die Gefahrenstufe
Teil 3: Lawinen-Zusatzausrüstung
Teil 4: Die "Big Five" der Lawinengefahr
Teil 5: Verhalten bei Lawinenverschüttung
Teil 6: Lawinengefahr bei Frühjahrsskitouren
Der Autor Dr. Tobias Bach ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Er lehrt an der Sporthochschule Köln, unter anderem mit Schwerpunkt Risikomanagement, und ist als freier Mitarbeiter in der DAV-Sicherheitsforschung tätig.







