Vorstieg oder Nachstieg
Die meisten Nachteile der Handschlaufe, welche im Folgenden heruntergebetet werden, gelten für den Vorsteiger. Der Nachsteiger, sofern in Mehrseillängen nicht überschlagend geklettert wird, muss ja eigentlich nie weg vom Eisgerät und kann auch mal „zu“ rufen, wenn ihm der Saft ausgeht. Der Berufsnachsteiger sollte sich jedoch fragen, ob er die Handschlaufe will. Komplizierte Manöver wie Handwechsel am Gerät in ansteigenden Querungen sind so kompliziert, das man es gar nicht probiert und sich folglich nicht weiter entwickelt. Seit einiger Zeit verzichten auch Anfänger in Eiskursen gleich auf die Handschlaufe.
Das Gerät kann fliegen
Wer glaubt, man könne das Eisgerät mit Handschlaufe in Mehrseillängenrouten nicht verlieren, irrt! Meistens geht es am Standplatz stiften, durch Eisschlag oder „Seilgefuckel“ des Vorsteigers. Und hier ist man ohnehin weg von der Handschlaufe, denn sonst kann man nicht sichern. Die dümmste Lösung beim Eisfallklettern ist eine fixe Handschlaufe (etwa aus einer Bandschlinge geknotet) die man nicht lösen kann. Das Eisgerät rotiert dann beim Sichern schön ums Handgelenk und bleibt ab und an im Körper stecken. Die Hersteller reagierten mit verschiedenen Clippsystemen, mit denen man die Handschlaufe lösen kann. Doch auch damit ist nicht aller Desaster Abend: Clippt man im Vorstiegsstress, ist man –zumal mit Handschuhen- feinmotorisch nicht gerade auf Uhrmacherniveau. Dadurch wackelt man am Gerät herum und hebelt es gern mal aus. Glücklich, wer noch eines hat (und einen Helm). Die baumelnde Schlaufe am Handgelenk sorgt auch nicht nur für Glücksgefühle: Gerne verhakt sie sich im Verhau am Gurt. Leicht wird aus ein bisschen Clippen eine Multitasking-Überlebensaufgabe…
Stromausfall
Selbst Popeye kennt das: Ist man am Ende mit seinem Kletterlatein läuft der Unterarm so zu, dass man, wie mein schwäbischer Freund Stopperle immer sagt „koi Wurscht mehr vom Deller“ zieht. Das ist die tiefenpsychologische Bedeutung der Handschlaufe: Sie hält Kontakt zum Gerät, welches Kontakt zum Eis hält. Eine Nabelschnur. Der Autor, welcher sich inzwischen in Sachen Handschlaufe eindeutig positioniert haben dürfte, antwortet auch hier: Humbug! Wir kennen es aus der Kletterhalle: Das einzige, was den Armen wieder ein bisschen Mumm gibt (Auffüllen der ATP-und Glykogen-Kurzzeitspeicher in der Muskelzelle) ist das Ausschütteln, und zwar nach unten. Geht das, wenn man oben festgebunden ist? Eben.
Außerdem haben neuere Geräte so gute Handgriffe, dass man diese auch noch halten kann, wenn man auch sonst nicht mehr viel kann. ![]()
Ausnahmen…na gut
Bei langen Alpintouren ist ein Verlust des Gerätes fatal. Die Geräte sollten immer gesichert sein. Bei klassischen Couloirs werden nur wenige Schrauben pro Seillänge gelegt und das kurzzeitige Ausclippen der Schlaufe geschieht nicht über Kopf. Schütteln muss man ebenfalls nicht (und wenn, dann ist man vielleicht in der falschen Tour?). Eis- und Steinschlag können einen auch beim Klettern unvermittelt erwischen. Hier hat die Handschlaufe also durchaus ihre Berechtigung. Und das wird auch so bleiben. Trotz Handschlaufe muss man die Geräte aber am Stand sichern, z.B. indem man sie in die Sicherungskette einbaut. Dies ist jedoch ein anderes Thema.







