Viele Institutionen, angefangen von Landesregierungen (man bedenke: in Tirol gibt es jährlich mehr Berg- als Verkehrsunfälle!) über Tourismusverbände, Verlage für alpine Literatur und alpine Vereine haben deshalb Schwierigkeitsbewertungen für Bergwege entwickelt, veröffentlicht und teilweise im Gelände umgesetzt. Klingt kompliziert! Kein Wanderer möchte erst studieren müssen, welches Bergwegesystem denn nun für seine Tour gültig ist. Aber es ist schon viel gewonnen, wenn sich Wanderer überhaupt mit dem Thema beschäftigen und Touren nicht nur nach gastronomischen oder landschaftlichen Gesichtspunkten planen, sondern ihre Trittsicherheit und ihre Kondition zu den angegebenen Anforderungen eines Weges in Beziehung setzen. Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat dazu ein Kategoriensystem entwickelt, welches z.Zt. im gesamten Wegenetz der bayerischen Alpen in der Beschilderung umgesetzt wird. Es ist leicht eingängig, da die den Schwierigkeiten zugeordneten Farben vielen von der Skipiste bekannt sein dürften. Wir stellen es im Originaltext vor und wagen anschließend noch einen Blick über den Tellerrand.
Bergewegeklassifizierung des deutschen Alpenvereins
• Schwarz – schwerer Bergweg:
Schwere Bergwege sind schmal, oft steil angelegt und absturzgefährlich. Es kommen zudem gehäuft versicherte Gehpassagen und/oder einfache Kletterstellen vor, die den Gebrauch der Hände erfordern.
• Rot – mittelschwerer Bergweg:
Mittelschwere Bergwege sind überwiegend schmal, oft steil angelegt und können absturzgefährliche Passagen aufweisen. Es können zudem kurze versicherte Gehpassagen und/oder kurze Stellen vorkommen, die den Gebrauch der Hände erfordern.
• Blau – leichter Bergweg:
Leichte Bergwege sind überwiegend schmal, können steil angelegt sein und weisen keine absturzgefährlichen Passagen auf.
• Gelb – Talweg:
Talwege sind überwiegend breit, haben in der Regel eine geringe Steigung und weisen keine absturzgefährlichen Passagen auf.
Aus: DAV-Panorama 5-2007, S. 20
Nun werden sichviele fragen, was eine absturzgefährliche Stelle und was eine Kletterstelle ist. Nicht-Kletterer denken an Seil und Haken, das ist doch kein Wandern! Es bedeutet einfach, das man stellenweise „die Hände aus dem Hosensack“ nehmen muss, was auf vielen Wanderwegen immer wieder an Einzelstellen vorkommt. Man braucht keine Vorkenntnisse im Klettern, aber Trittsicherheit und gute Nerven, damit man sich angemessen bewegen kann. Absturzgefährdet ist man dann, wenn man nach einem Ausrutscher nicht gleich zum Liegen kommt, sondern ins Rollen oder gar den freien Fall kommen kann. Dies kann auf einem zwei Meter breiten, ebenen Weg sein – wenn dieser durch eine Felswand führt. Umgekehrt stellt eine zwei Meter hohe senkrechte Kletterstelle auf dem Weg eine geringe Gefahr dar, wenn diese in sanfte Wiesen eingebettet ist. Es braucht Erfahrung, um diese Anforderungen mit dem eigenen Können in Einklang zu bringen. Die Bergwegeklassifizierung dient dabei als Planungshilfe: Habe ich einmal einen roten Weg locker bewältigt, sollte dies auch in Zukunft kein Problem sein.
Ein Blick über den Tellerrand
Wie oben schon angesprochen, haben die verschiedenen Alpenländer und Regionen keine einheitliche Klassifizierung. Dazu eine Vergleichstabelle mit touristisch wichtigen Regionen und Ländern.
Besonders zu beachten sind Vorarlberg und die Schweiz: Hier ist „blau“ nicht das leichteste, sondern das schwerste! Man mag darüber den Kopf schütteln, der DAV bekam wütende Leserbriefe nach Veröffentlichung seiner Bergwegekategorien. Man hat auf die Bekanntheit der Pistenklassifizierungen gesetzt, während die Schweizer und die benachbarten Vorarlberger sich vermutlich zur Klassifizierung ihrer Hochtouren von den blauen Gletschern inspirieren ließen. Immerhin gibt es eine weitgehende Übereinstimmung mit dem Nachbarland Tirol. Dort denkt man z.Zt. über die Einführung der blauen Kategorie nach.
Ob blau oder rot – Wanderer haben heute das Material und die Infrastruktur, um eine Tour zu einem unvergesslichen Erlebnis und nicht zu einem Alptraum werden zu lassen. Es gilt nur, Touren bewusst zu planen und durchzuführen. Outdoor.de gibt in dieser Rubrik Tipps und Informationen zur Sicherheit beim Wandern. In der nächsten Folge geht es um die BergwanderCard, mit der Bergwanderer ihre Selbsteinschätzung verbessern können.
Der Autor ist Projektleiter einer großangelegten Studie, welche in der Sicherheitsforschung des dt. Alpenvereins zur Sicherheit beim Bergwandern durchgeführt wurde.




(19.10.2009 / Dr. Tobias Bach) Beim Wandern sind die Wege schön markiert und gesichert, das Handy hat meist Empfang – Bergsteigen light, was soll schon passieren? Und doch: Die meisten Bergunfälle ereignen sich nicht in wilden Nordwänden (zugegeben: An den Grandes Jorasses sind weniger Leute als am Nebelhorn unterwegs), sondern beim Wandern. Außerhalb der Skisaison dominieren Wanderunfälle mit großem Abstand die Bergwachtstatistik (selbst übers Jahr gerechnet machen sie 1/3 der gesamten Unfälle aus!), im Vordergrund steht als Unfallursache dabei „Stolpern, Umknicken, Ausrutschen“ (62%), gefolgt von „körperlichen Problemen“, womit meist Herz-Kreislaufprobleme gemeint sind (13%) (Quelle: ELVIA Unfallstatistik 2004/5. Elvia ist die Versicherung der Mitglieder des dt. Alpenvereins.). Doch wer knickt um? Fragt man die Bergwachtler, bekommt man klare Antworten: Die Verunfallten sind häufig überrascht und körperlich wie geistig überfordert angesichts von Anforderungen, mit denen sie so nicht gerechnet hatten. Wandern hat einen niedrigen „Eingangswiderstand“, deshalb haben viele Wanderer kaum Erfahrung mit dem Terrain. Entsprechend kann eine Wanderung schöne neue Erlebnisse vermitteln, sie kann aber leider auch fatale Folgen haben. Beispielsweise sind bei den heftigsten Wetterstürzen der letzten Jahre einige Wanderer erfroren. Neben ihren Kindern, neben ihren Eltern. 


