(09.09.2010 / Dr. Tobias Bach) Das zu besingende Bergeller Gestein ist erdgeschichtlich dreimal jünger als Berninagranit, was bedeutet: Fest, wenig verwittert und abwechslungsreich in seiner Struktur. Wie neu eben, oder wenigstens abgekärchert. Welch Wunder, dass diese Region bei Alpinkletterern ganz oben auf der Wunschliste steht. Outdoor.de stellt ein paar Kletter-Highlights im Bergeller Granit vor.
Die Kante der Kanten Die Nordkante des Piz Badile ist wohl die bekannteste Kantenführe der Alpen. Kein Wunder, schwingt sie sich doch 800 Meter in der Aufsicht von Bondo hinauf – wie senkrecht und ohne Schnörkel. Doch sie ist gar nicht so schwer zu klettern, die Standplätze sind saniert und die einzige Stelle im 5. Schwierigkeitsgrad (UIAA) ist bestens mit Bohrhaken abgesichert.
Dank der Ringhaken an den Ständen seilen viele über die Route ab, jedoch es ist empfehlenswerter, über den südseitigen Normalweg abzusteigen (einige Abseilstellen) und nach einer Nacht auf der gemütlichen Gianetti-Hütte über den Trubinasca-Pass durch die wildeste und einsamste Ecke des Bergells zurück zu wandern. Auf der Gianetti-Hütte sollten sich Kletter informieren, ob für den Porcelizzopass Steigeisen benötigt werden.
Die Südseite: Spigolo Vinci am Cengalo
Wenn man schon drüben ist, sollte man sich die Klettereien auf der Sonnenseite des Bergells keinesfalls entgehen lassen. In unmittelbarer Nähe der Gianettihütte gibt es zahlreiche Sportkletter- möglichkeiten, z.B. an der “Alten“, der Vecchia. Das Schaustück ist jedoch zweifelsohne der scharfe, gezackte Südgrat des massigen Cengalo, die Spigolo Vinci. Schon im Zustieg merkt man, dass diese Kante nicht so häufig begangen wird wie die Badilekante: Die Anforderungen an Orientierung und Absicherung sind höher, ebenso die Kletterschwierigkeiten (Stellen im 6. Grad). Belohnt wird man jedoch mit einer besonders im oberen Teil außergewöhnlich exponierten, landschaftlich spektakulären Routenführung.
Kult: Sportklettern im Val di Mello
Wer nach der Spigolo Vinci glaubt, er beherrsche den 6. Grat im Granit, kann im Val di Mello wieder ganz, ganz, demütig werden. Muskelbepackte Helden, die sich an den Henkeln eines Daches im 8. Grad hochziehen, machen sich hier bei ihrem Reibungskletter - Debut in einer 4b (franz. Bewertung) garantiert in die Hose! Dabei gibt es sowieso nur 2 oder 3 Routen in diesem Schwierigkeitsgrat hier. Es gibt gesegnete 2-3 Bohrhaken pro Seillänge, mobil Absichern ist in Reibungsplatten bekanntlich schwierig. Und wenn es 10 Meter über dem letzten Fixpunkt plötzlich feucht wird oder Du die winzige Delle für den rechten Fuß nicht siehst dann schwörst Du Dir, so etwas nie wieder zu machen. Nach zahlreichen dieser Nahtoderlebnisse geht es dann besser. Ein Bad im kristallklaren Mellofluss, eine Portion Pizzocceri della Valtellina (Achtung: Der Kalorienverlust beim Reibungsklettern hält sich in Grenzen! Angst allein macht nicht dünn!), ein Bier und Du willst morgen wieder – Reibungsklettern.