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Jeder Tag ist eine Reise…

Kailash: Zentrum der Kosmologie

(24.12.2009 / Dieter Glogowski) Die ersten Sonnenstrahlen treffen wärmend auf mein eiskaltes Gesicht. Weit ruht der Blick auf den Ufern des Manasarovar-Sees. Links am Horizont thront die 6.671 Meter hohe Eispyramide des heiligen Berg Kailash. Schlaftrunken sitze ich in meinem Schlafsack. Wildenten steigen schreiend zum Himmel auf.Blick auf den Kailash

Gebetsfahnen schlagen über mir im Wind, tragen ihre Segenssprüche in den Äther. Weit unten, am Rand des Sees, verstauen tibetische Familien ihr Hab und Gut auf der Ladefläche ihres Pilger-LKWs.. Auch für sie ist der Moment der Heimreise gekommen.

„Cha-süma!“, lachend streckt mir Lama Loten eine Tasse Buttertee entgegen. „Kusso debo – Wie geht es Dir?“, fragt er besorgt, als er meinen raureifbedeckten Schlafsack sieht. Die Nacht war zwar eiskalt hier oben auf dem Dach der Chui Gompa, dafür die weite Sicht und die Sternennacht ein unvergessliches Abschiedgeschenk. Neben mir liegt ein aufgeschlagenes Buch von Anagarika Govinda, jenem deutschen Lama, der in den 30er Jahren Tibet intensiv bereist hatte. Seine Beschreibungen treffen meine Seele.

„Es war in diesem Augenblick, in dem meine Augen zum ersten Mal das heilige Land Tibet erblickten, dass mir klar wurde, dass ich von nun an dem Weg der weißen Wolke folgen würde, um mehr von seiner Weisheit zu lernen und in dem Frieden und der Schönheit seiner Natur Inspiration zu finden.“

Seit neun Jahren kehre ich nun immer wieder an den Kailash und Manasarovar-See zurück. Genau hier fokussieren sich in einmaliger Weise Raum und Zeit, Landschaft und Spiritualität. Die Tibeter, Sains und Bönpas sehen im Kailash das Zentrum der Kosmologie, die Erdinnenachse, das Größte Natur-Mandala der Erde, für die Hindus ist er der Sitz ihres Gottes Shiva. Ich blättere weiter im Buch.

„Für den Tibeter ist der Berg umgeben und bewohnt von tausenden meditierender Buddhas, die Frieden und Segen ausstrahlen und den Samen des Lichts in die Herzen derer säen, die den Wunsch haben, sich von der Dunkelheit des Nichtwissens, des Hasses und der Begierden zu befreien.“

Pilgerin mit Blick auf den Kailash

Auch hier am Kailash und am Manasarovar-See haben die brutalen Auswirkungen der chinesischen Kulturrevolution ihre Spuren hinterlassen. Alle Klöster und Heiligtümer fielen dem Terror der Roten Garden zum Opfer. Sie wurden bedingungslos zerschlagen und gesprengt, den Tibetern über 16 Jahre die heiligen Umwanderungen (Kora) um den Kailash und den See strengstens verboten. Erst in der Liberalisierungswelle Mitte der achtziger Jahre gestattete die chinesische Besatzungsmacht einen Teil der Klöster wieder aufzubauen und die Kora um den Kailash stand nicht mehr unter Strafe. Seither kommen jährlich tausende tibetische Pilger an den Kang Rinpoche, das Schneejuwel, wie sie liebevoll ihren heiligen Berg nennen. Auch zieht der Kailash immer mehr westliche Touristen in seinen Bann. Einige sehen in der 54 km lange Kora um den Berg nur eher eine sportliche Herausforderung, andere wiederum lassen sich ein, spüren die kontemplative Kraft des Ortes, erleben eine sehr persönliche innere Reise. Die Umrundung des Kailash, mit der Überschreitung seines 6.641 Meter hohen Dolma-la-Paß, bedeutet für den Pilger die Konfrontation mit dem Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt.

Pilgerfamilie vor dem KailashPilger-Junge mit Pferd

"Die wahren Ursachen der Zufriedenheit und der Erfüllung müssen wir in uns selbst suchen“, pflegt der 14. Dalai Lama zu sagen, hier am Kailash haben wir eine Chance dazu, denn „Die größten Ereignisse finden in unseren stillsten Stunden statt“. (Friedrich W. Nietzsche)

Eine laute Hupe reißt mich aus meinen Gedanken, wild gestikuliert mein Fahrer Purbu-laa - es wird Zeit aufzubrechen. In zwei Tagen soll er mich an der nepalischen Grenze absetzen. Loten lacht und drückt seine Stirn gegen meine Kopf.

„Jeder Tag ist eine Reise – und die Reise selbst das Zuhause.“

Dieter Glogowski
gehört zu den renommiertesten Mulitivisions-Referenten in Deutschland. Seit über 25 Jahren arbeitet er als freier Foto- und Fernsehjournalist mit dem Schwerpunktthema der Himalaya-Region. Seine TV-Produktionen „Länder-Menschen-Abenteuer" wurden international ausgezeichnet

 

Manasoarovarsee im Sonnenuntergang

 

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