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Die Unfallrisiken beim Eisklettern

Historie, Status Quo und medizinische Beurteilung der Risiken


(28.10.2009 / Volker Schöffl, Ullrich Schwarz, Thomas Küpper) Wassereisklettern, d. h. das Klettern an Eisformationen wie z. B. Gletscher, mit Eis überzogener Fels oder Kunstwände sowie gefrorene Wasserfälle erlebte in den letzten Jahren einen deutlichen Boom. Sind in einer Klettertour Fels- und Eispassagen vorhanden, spricht man vom „Mixed Klettern“. Um im Eis zu klettern ist eine spezielle Ausrüstung notwendig: Steigeisen, Eisgeräte (spezielle Eispickel) und Eisschrauben, die zur Sicherung dienen.

Beim Drytooling werden Eisgeräte und Steigeisen am Fels zur Fortbewegung eingesetzt. Die Eiswände in den Alpen haben 40-90 Grad Neigung. Ab 50 Grad spricht man vom Klettern. An Wasserfällen und Eiszapfen kann senkrecht bis überhängend geklettert werden. Es werden überwiegend zwei Schwierigkeitsbewertungen verwendet. Die WI - Skala (Water Ice 1-7), bei der sowohl die Eisneigung, die Eisqualität und die Absicherungsmöglichkeiten mit einbezogen werden, und die M-Skala (Mixed 1-13) für Mixed Klettern.

Historie des Eiskletterns

Eisklettern war lange Zeit reiner Bestandteil des Alpinismus. Eisklettern in der heutigen Form ist eine relativ junge Sportart, die erst durch die Weiterentwicklung der Eispickel, neuer Sicherungstechniken und v.a. der Steigeisen möglich wurde. Die Römer überquerten bereits in Nagelschuhen die Alpen, Josias Simmler berichtet 1574 erstmals von dreizackigen Steigeisen und im 19. Jahrhundert findet man die ersten zehnzackigen Steigeisen. Seit der Erstbesteigung des Montblanc durch Pacard und Balmat 1786, war es üblich im Eis Stufen zu schlagen um sich nach oben zu bewegen. Erst Oscar Eckenstein (1859 – 1921), ein englischer Kletterer, erkannte die Möglichkeiten der zehnzackigen Steigeisen, entwickelte sie konsequent weiter, und führte eine völlig neue Gehtechnik ein, die bis heute als Eckensteintechnik bekannt ist. Dreißig Jahre später kamen die ersten Steigeisen mit Frontalzacken auf den Markt. 1966 stellte Yvon Chouinard das erste Eisgerät mit kurzem Schaft und gebogener Haue vor. Mit den neuen Eisgeräten war es nun auch möglich im überhängenden Eis zu klettern. Moderne Eisgeräte zeichnen sich durch eine durchgebogene Haue und einen gewinkelten Schaft aus. Die Entwicklung dieser waffenartigen Eisgeräte und neuartiger Eisschrauben war wegbereitend für die Entwicklung des modernen Eiskletterns. Wenn diese Eisschrauben im richtigen Winkel und in qualitativ gutem Eis eingeschraubt werden haben sie ein Ausreiskraft die derer von Bohrhaken kaum nachsteht.

Eisklettern als Wettkampfsport

Der erste dokumentierte Eiskletterwettkampf fand am 30. Juni 1912 am Brenvagletscher in Courmayeur statt.1999 wurde der erste Weltcup ausgetragen, 2002 die erste Weltmeisterschaft. Seit 2002 ist Eisklettern Wettkampfdisziplin der UIAA (Union International des Associations d`Alpinisme)(www.uiaa.ch). Geklettert wird dabei ausschließlich an künstlichen Eiswänden mit genau vorgeschriebener Ausrüstung. Eisklettern hat sich aus einer Sonderform des Alpinismus zum eigenständigen Trend- und Wettkampfsport entwickelt - mit allen Problemen des Hochleistungs- und Breitensports.

Aktueller Forschungsstand

Obwohl Eisklettern immer populärer wird, finden sich in der Literatur kaum Angaben, die sich mit sportartspezifischen Problemen des Eiskletterns beschäftigen. Auf der anderen Seite sehen viele Versicherer im Lebensversicherungs-, Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherungsbereich Eisklettern als Risikosport an und schließen Eisklettern von ihren Leistungen aus. Dies wird natürlich auch unterstützt durch spektakuläre und reißerische Bilder sowie Berichterstattungen in der Presse. Ob Eisklettern allerdings wirklich eine Hochrisikosportart ist, wurde bis dato nie wissenschaftlich geklärt. In der Bergunfallstatistik des Deutschen Alpenvereins von beispielsweise 2005 waren allerdings nur 6 % der gemeldeten Kletterunfälle Eiskletterunfälle. Auch der kanadische und amerikanische Alpenverein sammeln seit 1951 Meldungen über Eiskletterunfälle, eine systematische Befragung hat allerdings noch nicht stattgefunden.

Unfallrisiko Eisklettern

In den Jahren 2006 und 2007 führten wir an knapp 100 Eiskletterern eine groß angelegte Fragebogenstudie zum Unfall- und Risikopotenzial der Sportart durch. Knapp 60 % aller Studienteilnehmer hatten sich beim Eisklettern zwar schon einmal verletzt, aber kaum einer höherwertig. Es gab bei einigen Patienten Überlastungssyndrome, diese allerdings waren nur von geringem Schweregrad. Die meisten Unfälle traten im Vorstieg auf, am häufigsten beschrieben wurden (52 %) offene Wunden sowie Blutergüsse und Erfrierungen. Die häufigsten Verletzungsursachen waren dabei Eisbruch und eine falsche Technik.

Bei 65 % der Verletzten handelte es sich um Bagatellverletzungen (NACA-Score 1), bei 29 % bedurfte es nur eines ambulanten Arztkontaktes (NACA 2). Nur 6 % aller Unfälle mussten stationär, d. h. im Krankenhaus behandelt werden. Das Verletzungsrisiko insgesamt war 4,07 % Verletzungen pro 1000 Stunden Sportausübung und liegt hierbei deutlich niedriger als bei deutschen Standardsportarten wie z. B. Fußball oder anderen Ballsportarten. Das Unfallrisiko ist vergleichbar zu anderen Bergsportarten, die Unfälle insgesamt waren zumeist harmlos, nichtsdestotrotz bleibt natürlich das Risiko für tödliche Unfälle bestehen.

Eisklettern ist eine Sportart mit objektivem Gefährdungspotential (alpine Gefahren, waffenartige Ausrüstung, schlechtere Absicherungsmöglichkeit). Im Gegensatz dazu kommt es nach unserer Untersuchung überwiegend zu Bagatellverletzungen, was den Untersuchungen zum Fels- und Indoorklettern entspricht. Über 60 Prozent aller Verletzungen waren reine Bagatellen und bedurften keiner ärztlichen Therapie. Alle anderen Verletzungen waren leicht bis mäßig (NACA 2-3). Möglicherweise führt die nicht unerhebliche Gefährdung zu wesentlich größerer Vorsicht beim Eisklettern.

Das Todesfallrisiko konnte in unserer Arbeit nicht erfasst werden. Nach der Statistik des kanadischen Alpenvereins kam es dort in den letzten 30 Jahren zu je einem tödlichen Unfall pro Jahr, eine Schweizer Untersuchung kommt über einen 6-Jahreszeitraum zum gleichen Ergebnis. Eisklettern zeigte sich als Sportart mit niedriger Verletzungsschwere, allerdings sind weitere prospektive Untersuchungen zur Evaluierung des Todesfallrisikos notwendig.

Die wissenschaftliche Publikation zum Thema kann unter Medicina Sportiva eingesehen werden:

http://www.medicinasportiva.pl/new/index.php?path=aktualnosci/medicina/ms2009_04


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