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Themenspecial Outdoor und Nachhaltigkeit: Patagonia

Interview mit Eva-Maria Hartwich, Patagonia Europe

„Das Produkt als solches sollte nachhaltig sein, indem es langlebig und reparabel ist.“

Eva-Maria Hartwich, Patagonia Europe

Outdoor.de: Denken Sie, Produktionsprozesse in der Outdoor-Branche unterliegen einer besonderen ökologischen/sozialen Verantwortung - aufgrund der Affinität der Branche zur Natur?

Eva-Maria Hartwich: Rein theoretisch sollte die Outdoorbranche so umweltfreundlich und sozial wie möglich herstellen, schließlich fertigt sie Produkte fürs Draußensein an. Rein praktisch sieht man aufgrund der hochwertigen Materialien und Verarbeitungen – Imprägnierungen, Membranen, Kleinteile etc. - jedoch bisher immer noch zu wenige Ansätze, diesen Anspruch in die Tat umzusetzen.

Nachhaltigkeit sollte aber nicht nur in Sachen Produktionsprozess angestrebt werden, sondern als ganzheitliches Engagement weitergeführt werden. Dazu hier nur ein paar Denkanstöße:

Das Produkt als solches sollte nachhaltig sein, indem es langlebig und reparabel ist. Das wiederum setzt voraus, dass die Hersteller beispielsweise einen Reparationsservice anbieten und von Anfang an auf Qualitätsware bauen. Wichtig ist außerdem, dass der Kunde ökologische/soziale Verantwortung fordert, denn nach wie vor bestimmt die Nachfrage das Angebot. Wer von ökologischer und sozialer Verantwortung spricht, spricht auch von Kontrolle, Kontrolle über die gesamte Produktionskette. Doch wer hat heute schon die vollständige Kontrolle vom Design, über die Beschaffung der Rohmaterialien, hin zur Spinnerei, Zusammensetzung, Färbung, Imprägnierung?

Die Firma Patagonia – bekannt als Umweltpionier in der Branche - tut in der Tat bereits sehr viel (siehe Frage 5), aber sie ist auch nicht perfekt. Denn alles, was wir produzieren, hinterlässt Spuren, produziert Abfall und bedarf des Einsatzes von Rohstoffen. Das sollte man bei der Diskussion um ökologische Verantwortung keinesfalls außer Acht lassen, sondern mitunter beim Hinterfragen des eigenen Kaufverhaltens beginnen.

Outdoor.de: Eine nachhaltige Produktion hat grob gesehen zwei Ebenen: den Materialeinsatz und die Beschäftigungsverhältnisse. Was ist aus Ihrer Sicht problematisch in der jeweiligen Ebene?

Eva-Maria Hartwich: Allein mit dem Materialeinsatz, ich denke hier an ökologische Fasern wie Biobaumwolle, Recycling-Polyester, Recycling-Nylon, Hanf, Tencel, chlorfreie Wolle, ist leider noch lange kein nachhaltiges Produkt gefertigt worden. Das ist auf jeden Fall ein großer Schritt in Richtung Ressourcenschonung und Schonung unserer Umwelt. Wenn jedoch sehr viel Chemie eingesetzt werden muss, um diese ökologischen Fasern aufzubereiten, zu verarbeiten und einzufärben, ist es mit nachhaltiger Produktion nicht wirklich weit her. Für mich bedeutet die Zusammenarbeit mit bluesign (siehe Frage 2) ein wesentlicher Fortschritt, um in diesem Bereich nachhaltige, umweltschonende Maßnahmen zu ergreifen.

Problematisch auf der Beschäftigungsebene ist die Tatsache, dass die meisten Firmen in der Outdoor- und Textilindustrie keine Existenzlöhne, vom Mindestlohn zu unterscheidend, zahlen. Dies ist ein hochkomplexes Thema, welches in der Presse leider immer wieder mit Allgemeinplätzen beleuchtet wird, ohne in die wirkliche Problematik einzutauchen.

Das Thema im Rahmen dieses Interviews weiterzuführen, würde ein wenig den Rahmen sprengen. Abgesehen davon bin ich als Zuständige für Marketing und Kommunikation im deutschsprachigen Raum bei Patagonia keine Spezialistin des Themas. Doch wer erfahren möchte, was Patagonia zu dem Thema zu sagen hat und tut, werfe einen Blick auf die sehr ausführlichen Seiten unserer Rubrik «Soziale Verantwortung/Corporate Responsibility» auf unserer Website: http://www.patagonia.com/eu/deDE/patagonia.go?assetid=41816
Wie bereits in Frage 1) angedeutet, ist nachhaltige Produktion nicht die einzig notwendige Ebene. Ein nachhaltiges Leben des Produktes an sich ist eine weitere Ebene, die mitunter gern vergessen wird, denn mit der Produktion eines Produktes sollte es noch lange nicht getan sein: Wohin mit dem Produkt, wenn es ausgedient hat? Was mache ich mit meinem Produkt, wenn es kaputt geht?

Ich würde sogar noch von einer Ebene vor diesen beiden sprechen: Brauch ich wirklich eine neue Fleecejacke oder neue Funktionsunterwäsche? Kann ich durch mein Konsumverhalten oder eben Nichtkonsumverhalten nicht einen viel größeren Beitrag leisten? Wie gesagt, Nachfrage bestimmt nach wie vor das Angebot und weniger ist manchmal mehr. « Buy less, buy better » heißt es im Hause Patagonia.

Outdoor.de: Welche Maßnahmen/ Standards / Gütesiegel schätzen Sie als am „zukunftsträchtigsten“ ein?

Eva-Maria Hartwich: Bluesign. Erläutern möchte ich diese Antwort am Beispiel Patagonia (wie sollte es anders sein?): Viele Jahre lang haben wir uns auf die ersten Glieder unserer Lieferkette konzentriert. Wir erkannten die verheerenden Auswirkungen der Pestizide, die für den konventionellen Baumwollanbau eingesetzt werden, und haben daher 1996 auf Bio-Baumwolle umgestellt. Um unseren Öl- und Energieverbrauch zu reduzieren, haben wir recyceltes Polyester in die Textilherstellung eingeführt. Wir begannen, Hanf und Tencel® zu verarbeiten. Doch lange haben wir vergebens nach einer optimalen Lösung gesucht, um die oft toxischen Chemikalien zu vermeiden, die zum Färben und Ausrüsten der Kleidung verwendet werden. Mit dem Einsatz von ökologischen Fasern ist es noch lange nicht getan. Wenn diese Fasern nicht nachhaltig erzeugt, gereinigt, verarbeitet, gefärbt und imprägniert werden, dann hat man nur die Hälfte seine Hausaufgaben erledigt.

Und was steckt genau hinter bluesign: bluesign® ist eine international anerkannte Organisation, die in Zusammenarbeit mit den Herstellern durch unabhängige Prüfungen gewährleistet, dass Materialien keine Rückstände schädlicher Chemikalien enthalten, dass möglichst umweltfreundlich produziert wird und dass die Ressourcen geschont werden. bluesign-Zertifizierungen sind auf die gesamte Produktionskette anwendbar: vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt und vom Zulieferer bis zum Verbraucher. Bereits vor Produktionsbeginn werden alle Komponenten überprüft und nach ihrer ökotoxischen Wirkung klassifiziert. So lassen sich potenziell schädliche Substanzen von vornherein ausschließen. bluesign-Wissenschaftler machen chemische Analysen der Stoffe und führen Kontrollen in den Betrieben durch, um Ressourcenproduktivität, Verbrauchersicherheit, Luft- und Wasserbelastung sowie Gesundheits- und Sicherheitsschutz am Arbeitsplatz zu überprüfen.

Desweiteren bin ich gespannt auf die Ergebnisse im Rahmen des Eco Indexes, an dem die Outdoor-Industrie gemeinsam arbeitet und inwieweit diese Anklang im Handel und beim Verbraucher finden.

Outdoor.de: Ist es realistisch, dass innerhalb der nächsten 3-5 Jahre bedeutende Fortschritte hin zu mehr Nachhaltigkeit erzielt werden?

Eva-Maria Hartwich: Die Tendenz ist auf jeden Fall da. Immer mehr Hersteller versuchen, Produkte aus ökologischen Fasern herzustellen. Immer mehr Marken sind bluesign-Mitglied und drücken damit den Wunsch aus, ihre Hersteller von bluesign überprüfen und nach bluesign Kriterien herstellen zu lassen. Das sind bedeutende Fortschritte, bei denen die Outdoorindustrie der Bekleidungsindustrie im Allgemeinen als gutes Beispiel vorangeht. Es bleibt die Frage der Entsorgung der Produkte. In dem Bereich müssen noch wirtschaftliche und realistische Lösungen gefunden werden.

Outdoor.de: Was unternimmt Patagonia schon heute konkret, was ist zukünftig geplant?

Eva-Maria Hartwich: Um über das Heute zu reden, muss ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden, denn Patagonias Umweltengagement geht zu den Ursprüngen der Firma zurück. Am besten beantworte ich diese Frage also mit der folgenden Übersicht:
  • 1973 - Patagonia wird gegründet. Die Firma stellt den „Friends of the Ventura River” Büroraum zur Verfügung – damals eine aus nur einer Person bestehende, örtliche Umweltorganisation, die Unterstützung sucht.
  • 1985 - Das Environmental Grants Programm wird offiziell gestartet; Patagonia spendet 10% seines Gewinns für die Erhaltung und Wiederherstellung der Natur.
  • 1989 - Im Katalog werden erstmals Umwelt-Essays abgedruckt. Seither stellt jeder Katalog eine Umweltkampagne vor. Infos über die aktuelle Kampagne « Our Common Waters » finden Sie auf unserer Website.
  • Patagonia gründet zusammen mit anderen Firmen die Outdoor Industry Conservation Alliance (www.conservationalliance.com) und verpflichtet sich, mindestens 1% seines Umsatzes oder 10% des Gewinns vor Steuern (jeweils den höheren Betrag) für Basis-Umweltgruppen zu spenden.
  • 1991 - Eine Lebenszyklus-Analyse für die Fasern Baumwolle, Wolle, Polyester und Nylon wird in Auftrag gegeben.
  • 1993 - Patagonia fertigt als erste Outdoorfirma Textilien aus recyceltem Polyester, das aus alten Plastikflaschen gewonnen wird. Heute ist PCR® (Post Consumer Recycled) Polyester unsere Hauptquelle für Polyesterprodukte.
  • 1993 - Das Patagonia Employee Internship Programm beginnt; bisher haben über 750 Mitarbeiter daran teilgenommen.
  • 1994 - Erste ‘Tools for Grassroots Activists’ Konferenz, eine Schulung von Patagonia für Umweltschützer; sie findet seither alle 18 Monate statt.
  • Die Firma veröffentlicht ihren ersten Bericht zur Umweltverträglichkeitsprüfung.
  • 1996 - Patagonia verpflichtet sich dazu, nur noch biologisch erzeugte Baumwolle zu verwenden.
  • Das Vertriebszentrum in Reno, Nevada wird nach den Normen von Leadership in Energy & Environmental Design (LEED) erbaut; das U.S. Green Building Council (USGBC) verleiht dem Gebäude eine Auszeichnung in Gold.
  • 1999 - Patagonia bezieht als erste Firma in Kalifornien seinen Strom zu 100% aus erneuerbarer Windenergie.
  • 2000 - Kris und Doug Tompkins gründen mit Unterstützung von Patagonia die Organisation ‘Land Trust’ mit dem Ziel der Gründung eines Nationalparks in Patagonien (heute ‘Patagónica Conservación’; www.conservacionpatagonica.org)
  • 2001 - Patagonia ist Gründungsmitglied der unabhängigen, gemeinnützigen Organisation ‘1% For The Planet’ (www.onepercentfortheplanet.org).
  • 2001 - Patagonia wird Mitglied der Fair Labor Association (www.fairlabor.org) zur Förderung der sozialen Verantwortung von Firmen.
  • 2005 - Start des Common Threads Recycling Programms (Kunden können abgetragene, wiederverwertbare Kleidung zum Recyceln zurückgeben).
  • 2006 - Patagonia ist Gründungsmitglied der EOG Association for Conservation, einer Initiative der europäischen Outdoor-Industrie zum Schutz und der Erhaltung ursprünglicher Natur. Sie heißt heute European Outdoor Conservation Association (EOCA) (.outdoorconservation.eu).
  • 2007 - Patagonia startet die Footprint Chronicles®, eine Mini-Website, auf der die Umwelteinflüsse („footprints = Fußabdrücke“) bestimmter Patagonia-Produkte vom Entwurf bis zur Auslieferung nachverfolgt werden.
  • Seit Mai 2007 ist Patagonia außerdem Mitglied des bluesign® Standard.
  • 2011 - 99% aller Textilien auf dem europäischen Markt für Frühjahr/ Sommer 2011 bestehen entweder aus e-Fasern oder sind recycelbar.
  • Ab Herbst 2011 wird das 2005 gestartete Recycling-Programm zur Common Threads Initiative ausgebaut, durch die wir den Verbraucher aufrufen: weniger zu verbrauchen, kaputte Kleidung zu reparieren, tragbare Kleidung weiterzugeben und nicht mehr tragbare Kleidung zu recyceln

…zu allen Artikeln des Themenspecials „Outdoor & Nachhaltigkeit“

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