Outdoor.de: Denken Sie, Produktionsprozesse in der Outdoor-Branche unterliegen einer besonderen ökologischen/sozialen Verantwortung - aufgrund der Affinität der Branche zur Natur?
Die Affinität zur Natur ist in erster Linie ein Image, das dem Kunden verkauft wird. Wohl keine Branche lebt – und profitiert so sehr von dem selbstkreierten Image wie die Hersteller von Outdoor-Bekleidung. Auch wenn sicher richtig ist, dass die Unternehmen eine Naturverbundenheit haben, die anderen Branchen eher fremd ist, sind sie doch den selben Gesetzen des Marktes unterworfen - und sichern tagtäglich mit ihren Gewinnen das Fortbestehen des Unternehmens.
Aber: Image verpflichtet. Viele Verbraucher gehen automatisch davon aus, dass sie beim Kauf der teuren Outdoor-Bekleidung indirekt auch dafür Sorge tragen, dass die Arbeitsbedingungen besser als in der Produktion von Billigmarken sind und die Näherinnen genug zum Leben haben. Davon kann man aber eben nicht ausgehen, nur weil die Produkte so teuer sind. Der Preis hängt ja zum einen mit dem hochwertigen Material zusammen, auch mit der hohen Gewinnmarge: Es ist in der Regel nicht der Lohnkostenanteil, der den Verkaufspreis um Vieles höher macht als bei anderer Kleidung. Eine Näherin, die für eine Outdoor-Marke Fleece-Jacken näht, hat nicht unbedingt die besseren Arbeitsbedingungen, weniger Druck oder eine bessere Chance auf gewerkschaftliche Organisierung. Es kommt ja auch vor, dass in ein und derselben Fabrik Bekleidung für unterschiedliche Modebereiche gefertigt wird.
Outdoor.de: Eine nachhaltige Produktion hat grob gesehen zwei Ebenen: den Materialeinsatz und die Beschäftigungsverhältnisse. Was ist aus Ihrer Sicht problematisch in der jeweiligen Ebene?
Beide Ebenen bedingen sich gegenseitig. Im Materialeinsatz und der Einhaltung von Umweltstandards in der Produktion, sind es im Wesentlichen die Menschen in den Fabriken und ihrem Umfeld, die unter verantwortungslosem Handeln in den Produktionsstätten leiden. Die Beschäftigungsverhältnisse können nach nationalem Recht formal korrekt sein, und doch sind die Näherinnen in Armut gefangen. Trotz Vollzeitjob reicht ihr Lohn gerade zum Überleben der Familie.
Der eigentliche Knackpunkt auf der Ebene der Beschäftigungsverhältnisse liegt aber auch in der Kontrolle der Umsetzung von Sozialstandards. Damit diese tatsächlich zu besseren Arbeitsbedingungen in der Fertigung führen, bedarf es unabhängiger Kontrollen. Immer noch fehlt es den meisten Audits, die von Unternehmen in Auftrag gegeben werden, an Transparenz. Ein Problem stellt hierbei unter anderem das fehlende Vertrauen der Arbeiterinnen den Inspektoren gegenüber dar. Sie stehen unter hohem Druck, äußern aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes nur selten Kritik an den Arbeitsbedingungen.
An den Produktionsstandorten kann sich aufgrund der geringen Löhne, die teilweise gerade einmal reichen, um die nötige Kalorienzufuhr der Familienmitglieder sicherzustellen, in der Familienökonomie nichts Nachhaltiges entwickeln. Eine nachhaltige Produktion muss aber auch lokale Entwicklung an den Fabrikstandorten ermöglichen.
Outdoor.de: Welche Maßnahmen/ Standards / Gütesiegel schätzen Sie als am „zukunftsträchtigsten“ ein?
Die Frage nach Siegeln und Standards ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits bestimmen Strenge und Vollständigkeit der Kriterien die Qualität eines Gütesiegels. Andererseits sind vor allem die Kontrolle der Einhaltung und der Umsetzung eine große Herausforderung. Gerade in der Bekleidungsproduktion ist die Lieferkette sehr lang und beginnt bereits mit dem Baumwollanbau auf dem Feld. Es gibt für uns in dem Sinne kein Gütesiegel, das wir für zukunftsträchtig halten. Existierende (Öko-) Siegel beziehen sich nicht auf den gesamten Herstellungsprozess eines Produktes und sind daher nur sehr eingeschränkt für eine Aussage über Fairness und Nachhaltigkeit in der Herstellung eines Produktes geeignet.
Vor allem müssen wir uns aber fragen, wohin uns all die Gütesiegel bringen. Warum braucht man ein Gütesiegel für etwas, das selbstverständlich sein muss? Die Einhaltung von Arbeitsrechten und Sozialstandards kann wohl kaum mit einem Siegel belohnt werden. Im Zweifel sichern Siegel, die zur Orientierung der Konsumenten dienen, den Unternehmen lediglich einen Wettbewerbsvorteil. Dass sie aber die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen tatsächlich kontrollierbar gewährleisten, das muss man in Frage stellen.
Was wir für umso wichtiger halten, ist die Mitgliedschaft in einer Multi-Stakeholder-Initiative, die sich aus Unternehmen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen zusammensetzen. Sie etablieren an den Produktionsstandorten Beschwerdemechanismen und Ansprechpersonen, zu denen die Arbeiterinnen Vertrauen aufbauen können. Hauptaufgabe ist die externe und unabhängige Überprüfung, ob das Mitgliedsunternehmen den Verhaltenskodex wirksam umsetzt. Weil viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen an der Kontrolle beteiligt sind, wird gewährleistet, dass kein falsches Bild über die Arbeitsbedingungen in der Fabrik vorgegaukelt wird. Es wird auch auf die Transparenz in der Beschaffungspraxis des Unternehmens geschaut, denn knappe Lieferfristen und geringe Abnahmepreise unterlaufen gegebenenfalls die eigenen Verhaltenskodizes, und die Schuld liegt nicht allein beim Fabrikbetreiber.
Outdoor.de: Ist es realistisch, dass innerhalb der nächsten 3-5 Jahre bedeutende Fortschritte hin zu mehr Nachhaltigkeit erzielt werden?
Ich denke schon. Die Branche ist alles andere als untätig. Viele Unternehmen setzen sich schon jetzt dafür ein, nicht nur ökologisch verantwortlich zu produzieren, sondern auch die soziale Nachhaltigkeit in der Produktion stärker zu beachten. Natürlich muss dies noch deutlich gesteigert werden. Längst nicht jedes Outdoor-Unternehmen ist bereit, sich transparent zu zeigen, sich unabhängig kontrollieren zu lassen und auch daran zu arbeiten, die Löhne zu erhöhen.
Mehr Nachhaltigkeit kann aus Sicht der Arbeiterinnen auch ganz konkret bedeuten, den hohen Arbeitsdruck zu reduzieren, Krankheiten, Arbeitsunfällen etc. vorzubeugen. Jede Verbesserung im Fabrikalltag trägt dazu bei.
Die Auftraggeber spielen dabei mit ihrer Beschaffungspolitik und Kontrollen der Sozialstandards in den Fabriken eine entscheidende Rolle. Vor allem was den Lohn angeht, muss langfristig gedacht werden. Das können die Unternehmen natürlich nicht überall von heute auf morgen ändern. Und doch ist dies einer der entscheidenden Punkte, an denen die Outdoor-Branche weiterarbeiten sollte und sich mit Modellen der Errechnung eines Existenzlohns auseinandersetzen, ebenso wie man die Zahlung eines solchen Existenzlohns in den Zulieferbetrieben erreichen kann.
Outdoor.de: Was können Unternehmen (realistischerweise) aus Ihrer Sicht schon heute konkret unternehmen?
Der wichtigste Schritt ist, im Unternehmen zunächst ein wirkliches Verständnis für die Bedingungen in den Zulieferbetrieben und die soziale Problematik der Menschen an den Produktionsstandorten zu entwickeln. Man sollte nicht glauben, dass man durch das Schaffen von Arbeitsplätzen in Billiglohnländern per se etwas Gutes tut. Man sollte sich auch nicht dahinter verstecken, nur der Logik der Weltwirtschaft zu folgen, weil man sonst keine Wettbewerbschancen hätte. Gerade dann, wenn man die Produktion ans andere Ende der Welt verlagert, wo die nationalen Gesetzgebungen das Wohlergehen der Arbeiterinnen nicht oder nur unzulässig garantieren, hat man dort auch dafür zu einzustehen, dass international anerkannte Arbeitsstandards umgesetzt werden.
Eine Sensibilisierung für die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten und der Wille, den eigenen Verhaltenskodex einzuhalten, bringt zwangsläufig auch eine Veränderung im Unternehmen in Deutschland mit sich, denn die Beschäftigungsverhältnisse bedingen sich ja gegenseitig. Erschreckend ist, dass immer noch Unternehmen der Branche keinen eigenen Verhaltenkodex haben und so etwas auch nicht für nötig erachten. Dieses fehlende Verantwortungsbewusstsein ist alles andere als fair und auch nicht besonders naturnah. Zum Glück sind nicht die meisten Outdoor-Unternehmen so gestrickt.
Soziale Projekte wie die Verteilung von Medikamenten oder das Verschenken von Nahrungsmitteln oder anderen Gütern, ist sicher kein guter Ansatz, eine nachhaltige soziale Entwicklung am Produktionsstandort zu fördern. Es muss langfristig dafür Sorge getragen werden, dass Arbeiterinnen ihren Kindern eine schulische und berufliche Ausbildung ermöglichen können, sich Medikamente selber kaufen können und über die Fabrikarbeit auch einen Krankheitsschutz haben. Bei solchen PR – Projekten wie man sie aus anderen Branchen kennt, besteht oft die Gefahr, die lokale Bevölkerung in weitere Abhängigkeit von eher schlecht als recht bezahlten Arbeitsplätzen zu bringen und gleichzeitig tolle Bilder für die PR-Arbeit zu Hause zu liefern, damit man sich damit einen Marketingvorteil in der Kommunikation mit dem Konsumentinnen sichert.
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